Kommission für den Berner Umwelt-Forschungspreis |

Jedes Jahr während der Monsunzeit erscheint der Grossraum Himalaya in den Schlagzeilen infolge verheerender Überschwemmungen in den ausgedehnten Tiefebenen des Ganges und des Brahmaputra. Dies ist auch jeweils die Zeit, in der die Bauern Nepals und angrenzender Gebirgsregionen für die Fluten verantwortlich gemacht werden. Die Frage, wie weit diese Prozesse natürlich sind und wie weit beeinflusst durch menschliche Aktivitäten, gibt ebenso Anlass für heftige und kontroverse Diskussionen unter Wissenschaftern und Politikern wie die Methoden für den Umgang mit den Überschwemmungen oder gar für die Verhinderung von Fluten. Solide Grundlagen zum Verständnis der Ursachen für die Überschwemmungen fehlen jedoch weitgehend.
Die Studie "Floods in Bangladesh: A Highland-Lowland Interaction?" entstand im Rahmen der langjährigen Forschungstradition des Geographischen Institutes der Universität Bern im Grossraum Himalaya und ist Teil des Projektes "Floods in Bangladesh-processes and impacts". Ein wichtiger Schwerpunkt der Forschungsaktivitäten des Geographischen Institutes in diesem Raum waren schon immer die ökologischen Zusammenhänge zwischen dem Himalaya und den vorgelagerten Tiefebenen des Ganges und des Brahmaputra. Entsprechend diesem thematischen Schwerpunkt setzt sich die vorliegende Studie zum Ziel, das Verständnis der grossräumigen Prozesse in Bezug auf die Überschwemmungen in Bangladesh zu fördern sowie mögliche überschwemmungsauslösende Faktoren im Land selber zu identifizieren. Sie geht grundsätzlich der Frage nach, wie stark Überschwemmungen durch klimatologische und hydrologische Prozesse ausserhalb von Bangladesh beeinflusst werden und welches Gewicht den Prozessen im Land selber zukommt. Im Speziellen wird versucht, den hydrologischen Beitrag aus dreizehn definierten Teileinzugsgebieten des Ganges-Brahmaputra-Meghna-Systems und dessen Relevanz für die Überschwemmungen in Bangladesh vergleichend abzuschätzen. Schliesslich ist auch die Geschichte der Überschwemmungen sowie die Komplexität der Überflutungsprozesse von Interesse für die Studie.
Die Auswertungen basieren fast ausschliesslich auf Niederschlags- und Abflussreihen. Die Datenlage erwies sich für die gesteckten Ziele als problematisch: Für Bangladesh sind Tageswerte erhältlich. Für die Regionen ausserhalb von Bangladesh jedoch sind nur Monatswerte verfügbar und die Stationsdichte ist sehr beschränkt. Der erste Teil der Studie dokumentiert deshalb die aufwendigen methodischen Schritte, mit welchen versucht wurde, die Fragestellungen mit den vorhandenen Rohdaten anzugehen. Aufgrund dieser Erfahrungen zeigte es sich, dass mit der Analyse von Monatsniederschlägen für die einzelnen Teileinzugsgebiete zwar durchschnittliche Niederschlagsmuster sowie Niederschlagsmengen- und anomalien bestimmter Jahre abgeschätzt werden können, dass es aber nicht möglich ist, den effektiven hydrologischen Beitrag einzelner Regionen zu bestimmen und zu quantifizieren, dass die Analyse von Abflussdaten zwar zahlreiche Bausteine zum Verständnis der hydrologischen Gegebenheiten einzelner Jahre im Untersuchungsraum liefert, dass sie auch wertvolle Einblicke in die Komplexität der Überschwemmungsprozesse ermöglicht, dass aber auch hier infolge der geringen Stationsdichte kein Vergleich der einzelnen Teileinzugsgebiete in Bezug auf ihren hydrologischen Beitrag und auf ihre Relevanz für die Überschwemmungen in Bangladesh möglich ist.
Als Konsequenz aus diesen Erfahrungen wurde eine Methodik entwickelt, mit welcher, ausgehend von Monatsniederschlägen und unter Einbezug von Abflussbeiwerten sowie von Distanzfaktoren, potentielle Abflüsse aus einzelnen Teileinzugsgebieten des Untersuchungraumes sowie deren Relevanz für die hydrologischen Prozesse in Bangladesh abgeschätzt werden können. In den Analysen von Fallbeispielen, die im zweiten Teil des Berichtes dokumentiert sind, erwiesen sich die beiden Variablen "potentieller Abfluss" und "Relevanz für Bangladesh" als sehr wertvolle Indikatoren, mit welchen die verschiedenen Teileinzugsgebiete in ihrem hydrologischen Verhalten und ihrer Bedeutung verglichen werden können. Die grossräumigen Auswertungen, die auf den oben erwähnten Variablen basieren, kombiniert mit Prozessstudien für Bangladesh im Speziellen, die auf Tagesdaten basieren, resultieren in interessanten und wertvollen Ergebnissen in Bezug auf die übergeordneten Fragestellungen:
1. Die Überschwemmungen in Bangladesh werden von regional stark differenzierten klimatologischen und hydrologischen Gegebenheiten im Ganges-Brahmaputra-Meghna-System beeinflusst. Die Verhältnisse in den Einzugsgebieten des Brahmaputra und des Meghna sind häufig schlecht korreliert mit denjenigen im Einzugsgebiet des Ganges, diejenigen im Himalaya schlecht mit denjenigen der vorgelagerten Tiefebenen.
2. Der Himalaya scheint praktisch keinen Einfuss auf die Überschwemmungen in Bangladesh zu haben. Zum einen sind die Anomalien von Niederschlag und Abfluss im Himalaya sowie in den Fusszonen eines bestimmten Monsunsommers schlecht mit der Dimension der Überschwemmungen in Bangladesh korreliert. Viel wichtiger aber ist die Tatsache, dass sich Hochwasserpeaks auf ihrem Weg nach unten allmählich abschwächen, es sei denn, sie werden durch regionale Einflüsse immer wieder neu verstärkt.
3. Für die Überschwemmungen in Bangladesh scheinen die Prozesse im Einzugsgebiet des Meghna und z.T. auch des Brahmaputra, v.a. aber in den Meghalaya Hills, entscheidender zu sein als diejenigen im Ganges-System. Dies zeigt sich daran, dass die Niederschläge in den Meghalaya Hills sowie in Bangladesh selber die grösste Relevanz für die Flutprozesse haben. Im weiteren scheinen die Überschwemmungen in Bangladesh einen gewissen zeitlichen Zusammenhang mit Überflutungen des Brahmaputra im indischen Assam zu haben, aber nicht mit solchen in der indischen Gangesebene. Keines der analysierten Überschwemmungsjahre in der Gangesebene war auch ein Überschwemmungsjahr in Bangladesh. Der Abfluss des Ganges ist nur dann wichtig für die Überschwemmungen in Bangladesh, wenn dessen Peaks mit den Spitzenwerten des Brahmaputra zeitlich zusammenfallen.
4. Die grossen Flüsse in Bangladesh zeigen zwei verschiedene Eigenschaften: Auf Monatsbasis sind die Abflusskurven charakterisiert durch einen allmählichen Anstieg zu Beginn der Monsunzeit und durch ein ebenso allmähliches Absinken am Ende derselben, das Resultat der längerfristigen klimatologischen und hydrologischen Bedingungen im entsprechenden Einzugsgebiet. Auf Tagesbasis sind die Ganglinien charakterisiert durch kurzfristige Schwankungen und Abflussspitzen, das Resultat von regionalen, eher kurzfristigen klimatologischen und hydrologischen Bedingungen. Die Monatsdaten geben uns somit Hinweise über die "Grundlast" eines bestimmten Gewässers während eines bestimmten Jahres, die Tagesdaten Hinweise über mögliche überschwemmungsauslösende Faktoren.
5. Die Tiefebenen besitzen ein grosses Speicherpotential für überschüssiges Niederschlags-und Flusswasser. In starken Überschwemmungsjahren ist dieser Effekt besonders ausgeprägt: Die hydrologischen Systeme sowohl in den indischen Tiefebenen als auch in Bangladesh bilden grosse Wasserkörper, in welchen Flüsse, hohe Grundwasserpegel, Teiche und Sümpfe miteinander verschmelzen. In Bangladesh kommt noch der Rückstaueffekt vom Meer hinzu. Durch das flächenhafte Ausbreiten von Wasser hat dieses Speicherpotential eine entscheidende Funktion bei der Verminderung der Überschwemmungsdimension weiter unten im entsprechenden Einzugsgebiet.
In Anbetracht der Datenlage sind die Aussagen der Studie eher als Anregungen aufzufassen, die zu weiteren Disskussionen und Untersuchungen mit einer in Zukunft hoffentlich verbesserten Datenlage stimulieren sollen, denn als gesicherte Resultate.
Die Untersuchung zeigt, dass Überschwemmungen ein natürlicher Prozess im Himalaya und seinen Vorländern darstellen, unabhängig von den menschlichen Eingriffen in den Einzugsgebieten. Der Himalaya scheint einen vernachlässigbaren Einfluss auf die Überschwemmungen in Bangladesh zu haben. Ist diese Aussage einmal akzeptiert, dann muss die Gewohnheit, die Bewohner des Himalaya für die Überschwemmungen weit unten in den Tiefländern verantwortlich zu machen, aufgegeben werden. Dies würde das politische Klima in der Region wesentlich verbessern. Dies entlastet jedoch die Bergbewohner nicht von der Verantwortung, ihre Umwelt in einer nachhaltigen Weise zu nutzen! Die Studie zeigt ferner, dass seitliche Dämme über grosse Distanzen entlang der grossen Flüsse in Bangladesh, wie sie z.B. durch den "Flood Action Plan" im Jahre 1988 vorgeschlagen worden sind, der Komplexität der Überschwemmungsprozesse nicht genügend Rechnung tragen und nicht einen geeigneten Umgang mit Fluten darstellen. Im Kampf gegen monsunale Überschwemmungen ist der Schutz der ausgedehnten, natürlichen Teiche und Sümpfe für die vorübergehende Speicherung von überschüssigem Wasser sehr wichtig. Schliesslich haben die Gespräche mit der Bevölkerung in den überschwemmungsgefährdeten Gebieten gezeigt, dass Fluten nicht das Hauptproblem für die Leute darstellen, die seitlichen Verschiebungen der grossen Flüsse veursachen viel grössere Schwierigkeiten. Über Generationen haben die Bauern gelernt, mit den Überschwemmungen umzugehen, sie sind sogar darauf angewiesen.