Kommission für den Berner Umwelt-Forschungspreis |

Naturzerstörung und die Zerstörungskraft der Natur gehen Hand in Hand. Die Meldungen über Sturmwinde und Überschwemmungen sind uns vertraut und wir sind es gewohnt, sie in naturwissenschaftliche Zusammenhänge einzuordnen. Wie deuteten frühere Generationen Naturkatastrophen und wie reagierten sie darauf? Agnes Nienhaus geht diesen Fragen in einer Untersuchung der gesellschaftlichen Reaktionen auf das Hochwasser von 1834 im Kanton Graubünden nach und zeigt, dass Naturkatastrophen gesellschaftliche Lernprozesse auslösen.
Das alpine Hochwasser von 1834 ragt durch seine Ausmasse und Schadenwirkung unter kleineren Ereignissen hervor. Das Unwetter wurde von der Bevölkerung als einzigartig empfunden, jedoch sehr unterschiedlich gedeutet. Auf der Basis von Quellenstudien in Graubünden unterscheidet die Autorin drei grundsätzliche Deutungstypen, die je ein spezifisches Weltbild repräsentieren: den naturwissenschaftlichen, den abergläubisch-animistischen u nd den religiösen Deutungstpyus. Die Vertreter einer naturwissenschaftlich-aufgeklärten Haltung deuteten die Hochwasserkatastrophe als Folge von Wetterphänomenen (Niederschlag, Gletscherschmelze infolge hoher Temperaturen), grossflächiger Abholzung oder schlechten Wasserschutzbauten. Als Vorzeichen für eine nächste nahende Katastrophe wurde das Hochwasser in abergläubischer Sichtweise interpretiert. In der religiösen Weltsicht galt die Katastrophe als Zeichen Gottes, das Sünder zur Busse mahnte und die vom Hochwasser Verschonten zu Nächstenliebe, d. h. zu Spenden anhalten sollte.
Die nach dem Hochwasser einsetzende Hilfsaktion war in der Bevölkerung breit abgestützt und entfaltete eine starke Integrationswirkung. Gerade weil die Spendenaktionen sowohl von Frauen wie auch von Männern getragen wurden, waren sie zur Förderung der nationalen Identität gut geeignet. Mit der Übertragung der Hilfskoordination an die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft konnte sich die Katastrophenhilfe aber auch institutionell auf nationaler Ebene verankern. Dank dem gesamtschweizerischen Interessen an der Katastrophe war die Spendenaktion überaus erfolgreich. In der Verwendung der Gelder fand ein Übergang vom Bedürftigkeits- zum Präventionsprinzip statt: die Hilfeleistungen wurden tendenziell von der Unterstützung bedürftiger Haushalte auf Investitionen in wasserbauliche Massnahmen verlagert. Die Autorin zeigt auf, dass die vom Hochwasser schwer geschädigten Armen einen bedeutenden Teil des Verlustes selbst zu bewältigen hatten, während der Löwenanteil der Gelder für Wasserbauten eingesetzt wurde. Diese boten zwar einigen Armen Arbeit und Auskommen, nützten aber besonders den reichen Grundbesitzern und den Gemeinden.
Neben dem Wasserbau gehörte auch eine Neuregelung der Waldnutzung zu den präventiven Instrumenten, die für den Kanton durch die Katastrophe an Dringlichkeit gewannen. Die Gemeinden, für die ihre Wälder die wichtigste Einnahmequelle darstellten, hatten vor dem Hochwasser noch erfolgreich ihre Verfügungsrechte gegenüber kantonalen Regelungsversuchen verteidigt. Nach 1834 gelang schliesslich die Durchsetzung mehrerer Forstverordnungen, die jedoch nur Massnahmen beinhalteten, welche zur Vermeidung direkter Gefahren dienten, etwa zum Erhalt von Schutzwäldern für bewohnte Gebiete und der kantonalen Transitstrasse. Zur Umsetzung der Forstverordnung wurde 1836 ein kantonaler Forstinspektor eingesetzt, der in der Folge wiederholt weitere Verbesserungen anstrebte.
So wurde in der Forstwirtschaft mit dem Hochwasser von 1834 ein Modernisierungsprozess in Gang gesetzt. Die vor allem in der noch jungen Forstwissenschaft verbreitete Einschätzung, Überschwemmungen seien eine Folge von "Wälderzerstörungen", gewann zunehmend auch in der kantonalen Politik an Bedeutung. Im Rahmen weiterer Modernisierungsprozesse wurden auch neue sozialreformerische oder technische Ansätze angewandt. So wurde die Katastrophenhilfe national wie kantonal zentralisiert und die Verteilung der Unterstützungsleistungen im Rahmen des Armenwesens nach rationalen Grundsätzen gestaltet. Den modernen Wasserbau förderte man erstmals mit Mitteln aus Spendenaktionen, was als neue Form der Naturkatastrophenhilfe vorgestellt wird.
Die Untersuchung zeigt den Zusammenhang zwischen Naturkatastrophe und Modernisierungsprozessen auf, welche weiter gefasst als Zeichen eines gesellschaftlichen Lernprozesses verstanden werden können. Nach den grossen Naturkatastrophen Ende des 20. Jahrhunderts wird der Stellenwert gesellschaftlicher Lernprozesse in Folge einschneidender Veränderungen der Lebensbedingungen zunehmen. Die Studie zeigt auf, wie die Bedingungen gesellschaftlichen Lernens zu fassen sind. Damit trägt sie dazu bei, die Mechanismen von Lernprozessen erkennbar und deren Möglichkeiten und Grenzen bei heutigen Katastrophen abschätzbar zu machen.
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